Karate - Nur Kampfkunst oder auch Gesundheitssport?

Thomas GeeseDarlegung therapeutischer Aspekte und trainingswissenschaftlicher Grundlagen im Karate-Sport von Thomas Geese

Autor: Thomas Geese, Jahrgang 1989, praktiziert als selbständiger Physiotherapeut in Gadebusch und betreut als Sportphysiotherapeut die 1. Fussball-Mannschaft der SG DYNAMO Schwerin. Seit seinem sechsten Lebensjahr trainiert er Karate und ist Träger des 2. Dan. Neben seinem Beruf ist Thomas Geese langjähriger ehrenamtlicher Trainer in unserem SHOSHIN-DOJO in Lützow.

3. Auf einem Bein – Aktivierung der sensomotorischen Fähigkeiten

Barfuss
Abbildung 5: Barfuß Gehen ist ein wichtiger Ansatz zur Verbesserung der sensomotorischen Fähigkeiten

Zahlreiche Kinder bekommen auf Grund von Fußbeschwerden Einlagen verschrieben. Grund dafür ist oft eine schwache, instabile Fußmuskulatur. Eine konventionelle Behandlung setzt in der Regel auf eine Festigung der Fußstatik durch ein langfristiges physiotherapeutisches Training dieser Fußmuskulatur. Häufig werden diese Sitzungen für Kinder aber schnell langweilig und weiterführende Übungen als Hausaufgaben werden nur in den seltensten Fällen tatsächlich ausgeführt.

Einer der wichtigsten Ansätze zur Verbesserung der Situation am Fuß und damit der ganzen Körperstatik ist im Karatetraining bereits nebenbei enthalten: barfuß laufen. Die Fußsohle besitzt sehr viele Rezeptoren, die ohne Socken oder Schuhe deutlich stärker stimuliert werden als im beschuhten Alltag. Dr. Vladimir Janda beschreibt, wie sich über eine gezielte Druckausübung auf die Fußsohle,  automatisiert ablaufende, sich bis zum Oberkörper durchlaufende Muskelaktivierungen erreichen lassen. Sogar tiefer gelegene Bauchmuskeln, der Beckenboden und die Schulterblattfixatoren können erreicht werden. Dies ist unter dem Prinzip des ´Kurzen Fußes` oder  auch Propriozeptive Sensomotorische Fazilitation bekannt.

Bleiben wir beim schon beschriebenen Vorwärts-Fußtritt (Mae-Geri). Bei diesem Fußtritt befindet sich der Karateka in einer äußerst kraftvollen, dynamischen Bewegung. Während dieser Bewegung steht er für die Dauer des Trittes auf nur einem Bein. Über leichte Drücke werden Rezeptoren zur Wahrnehmung der Lage und der Muskelspannung (Propriozeptoren) stimuliert. Diese Rezeptoren registrieren die aktuelle Situation und geben Informationen über das Nervensystem an das Rückenmark/Gehirn. Hier erfolgt die Verarbeitung und der Abgleich, sodass auf die jeweiligen Gegebenheiten adäquat reagiert werden kann. So sendet das Gehirn eine Antwort über das Nervensystem zurück. Die jeweils benötigten Muskeln erhalten somit einen Arbeitsauftrag. (Bewegungsausführung, Gelenkstabilisation,…)

Muskelketten, vom Fuß ausgehend, werden aktiviert, welche sich über das Kniegelenk, die seitlich äußere Oberschenkelmuskulatur bis zur Gesäßmuskulatur und weiter fortsetzen um durch ständige, unbewusste Korrektur das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Dies ist aus therapeutischer Sicht ein wesentlicher Aspekt bei der Ausführung dieser Fußtechnik. Auch hier bedienen wir uns also unbewusst therapeutischer Maßnahmen, indem wir durch permanente Wiederholung von Techniken Muskelketten gezielt aktivieren und so eine schnelle Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeit erreichen können.

Das sensomotorische  Training beinhaltet aus therapeutischer Sicht weitere positive Effekte auf das muskuloskelettale System. So kommt es zur Verbesserung alltagsmotorischer Aufgaben, Zunahme der Maximal- und Explosivkraft (vgl. Bruhn & Gollhofer,2001), Verbesserung der Standstabilität sowie der dynamischen Gelenkstabilität, Ausgleich muskulärer Dysbalancen (vgl. Gisler, 2007) und Verringerung der Verletzungsanfälligkeit von Muskeln und Gelenken (vgl. Knobloch & Martin-Schmitt, 2005; Faude et al., 2005).