Karate - Nur Kampfkunst oder auch Gesundheitssport?

Thomas GeeseDarlegung therapeutischer Aspekte und trainingswissenschaftlicher Grundlagen im Karate-Sport von Thomas Geese

Autor: Thomas Geese, Jahrgang 1989, praktiziert als selbständiger Physiotherapeut in Gadebusch und betreut als Sportphysiotherapeut die 1. Fussball-Mannschaft der SG DYNAMO Schwerin. Seit seinem sechsten Lebensjahr trainiert er Karate und ist Träger des 2. Dan. Neben seinem Beruf ist Thomas Geese langjähriger ehrenamtlicher Trainer in unserem SHOSHIN-DOJO in Lützow.

4. Welcher Arm, welches Bein? – Verbesserung der Koordinationsfähigkeit

Eine weitere wichtige Komponente des Gesundheitssports ist die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten. Diese unterteilen sich in Konditions- (u.a. Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit) und Koordinationsfähigkeiten (u.a. Gleichgewicht und Reaktion).

Aus Erfahrung ist allgemein bekannt, dass sich motorische Fähigkeiten im zunehmenden Kindesalter entwickeln und im späten Jugendalter ihren Höhepunkt erreichen. Mit Eintritt in das Erwachsenenalter beobachten Sportwissenschaftler (Baur, Bös, 2009) einen deutlichen Rückgang

sportmotorischen Könnens. Ab dem 50. Lebensjahr kann sogar häufig von einem Verlust koordinativer Fähigkeiten gesprochen werden. Grund ist die Einschränkung des motorischen Handelns im Alltag auf wenige, den Beruf betreffende Bewegungsmuster und das Unterlassen sportlicher Betätigung.

Sowohl die Konditionsfähigkeiten als auch die Koordinationsfähigkeiten unterliegen den Anpassungsvorgängen des Alterns. Sportliche Aktivität bewirkt eine positive Beeinflussung der motorischen Fähigkeiten.

Es ist bewiesen, dass sportlich Aktive, auch im höheren Erwachsenenalter, höhere Leistungen erzielen können, bzw. bereits ein erhöhtes Ausgangsniveau besitzen im Vergleich zu gleichaltrigen Untrainierten. Bereits geringe Trainingsbelastungen bringen massiven Zuwachs im Bereich der Maximal- und Schnellkraft (Latham et al., 2004). Auch die Reaktionsfähigkeit und Aufmerksamkeitsfähigkeit lässt sich bereits nach kurzer Trainingszeit positiv beeinflussen (Rikli &Edwards 1991; Schuler et al., 1993).

Besondere Bedeutung im Alter erfährt die Gleichgewichtsfähigkeit. Mangelndes Gleichgewicht führt häufig zu Stürzen, Unsicherheiten im Alltag und der damit verbundenen sozialen Isolation, da selbst kurze Wegstrecken nicht mehr bewältigt werden können. Zum Glück ist das Gleichgewicht trainierbar. Eine Verbesserung erreicht man nur dann, wenn gleichzeitig zum Gleichgewicht auch sensorische, kognitive und motorische Systeme angesprochen und verbessert werden (Westlake et al., 2017).

Sowohl in der Entwicklung der Koordinationsfähigkeit in der Kindheit und Jugend, als auch beim Erhalt der Koordinationsfähigkeit kann eine Kampfkunst wie Karate hilfreich sein.

Der Karateka lernt während seines nie endenden Trainings viele, isolierte Einzeltechniken (Waza). Diese werden aus einer karatespezifischen Stellung (Tachi) heraus ausgeführt. Herausforderung für Einsteiger ist es zunächst, die unterschiedlichen Bewegungen beider Arme, beider Beine und dem Körper zu koordinieren. Jeder, der diese Kampfkunst erlernt hat, weiß, wie schwierig es zunächst ist, alle Bewegungen zeitgleich auszuführen, wobei die nachfolgende Bewegung oft seitenverkehrt zur vorangegangenen ausgeführt wird.

Die erlernten Techniken werden dann zu Kombinationen verknüpft. Schließlich findet der Karateka diese Kombinationen in fest vorgegeben Bewegungsabläufen, Formen (Kata) wieder und übt diese. Keine Angst, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Um eine neue Bewegung harmonisch, kontrolliert und möglichst ökonomisch ausführen zu können, bedarf es des extrapyramidalen Systems (EPS). Das EPS steuert hauptsächlich Bewegungsabläufe der Rumpf- und Extremitätenmuskulatur und hat somit wesentlichen Einfluss auf den Muskeltonus. Die Verschaltung, u.a. mit dem Kleinhirn und den Gleichgewichtskernen sorgen für die Harmonie der Bewegungen und die Anpassung der Körperhaltung.

Anhaltendes Wiederholen von Techniken und Bewegungsabläufen setzt kontinuierlich Reize, die sich positiv auf die Vorgänge des EPS auswirken, sodass auch ältere, sportlich unerfahrene Personen vom Karatetraining profitieren werden. Das dauert in der Regel mehrere Jahre aber auch hier sind erste Erfolge bereits nach kurzer Zeit zu erkennen.