Karate - Nur Kampfkunst oder auch Gesundheitssport?

Thomas GeeseDarlegung therapeutischer Aspekte und trainingswissenschaftlicher Grundlagen im Karate-Sport von Thomas Geese

Autor: Thomas Geese, Jahrgang 1989, praktiziert als selbständiger Physiotherapeut in Gadebusch und betreut als Sportphysiotherapeut die 1. Fussball-Mannschaft der SG DYNAMO Schwerin. Seit seinem sechsten Lebensjahr trainiert er Karate und ist Träger des 2. Dan. Neben seinem Beruf ist Thomas Geese langjähriger ehrenamtlicher Trainer in unserem SHOSHIN-DOJO in Lützow.

1. Vorbetrachtung – Was ist Gesundheitssport?

Vitruvianischer Mensch
Leonardo da Vinci: Vitruvianischer Mensch, um 1490

Wie viele langjährige Karateka wissen, verbessern sich durch das Erlernen einer Kampfkunst viele physische Leistungsfaktoren, wie Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination. Permanentes Techniktraining, gekoppelt mit methodischen Trainingsinhalten, bringt Karatesportler bereits nach kurzer Zeit dahin, bewusst eine andere Körperwahrnehmung zu empfinden. Davon berichten Karateka jeden Alters. Als Sportphysiotherapeut und langjähriger Karateka möchte ich an dieser Stelle das tägliche Karatetraining einmal unter therapeutischen und trainingswissenschaftlichen Aspekten des Gesundheitssports beleuchten. Ist Karate ein Gesundheitssport?

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3. Auf einem Bein – Aktivierung der sensomotorischen Fähigkeiten

Barfuss
Abbildung 5: Barfuß Gehen ist ein wichtiger Ansatz zur Verbesserung der sensomotorischen Fähigkeiten

Zahlreiche Kinder bekommen auf Grund von Fußbeschwerden Einlagen verschrieben. Grund dafür ist oft eine schwache, instabile Fußmuskulatur. Eine konventionelle Behandlung setzt in der Regel auf eine Festigung der Fußstatik durch ein langfristiges physiotherapeutisches Training dieser Fußmuskulatur. Häufig werden diese Sitzungen für Kinder aber schnell langweilig und weiterführende Übungen als Hausaufgaben werden nur in den seltensten Fällen tatsächlich ausgeführt.

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4. Welcher Arm, welches Bein? – Verbesserung der Koordinationsfähigkeit

Eine weitere wichtige Komponente des Gesundheitssports ist die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten. Diese unterteilen sich in Konditions- (u.a. Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit) und Koordinationsfähigkeiten (u.a. Gleichgewicht und Reaktion).

Aus Erfahrung ist allgemein bekannt, dass sich motorische Fähigkeiten im zunehmenden Kindesalter entwickeln und im späten Jugendalter ihren Höhepunkt erreichen. Mit Eintritt in das Erwachsenenalter beobachten Sportwissenschaftler (Baur, Bös, 2009) einen deutlichen Rückgang …weiterlesen

5. Allgemeine Ausdauer – Kardiopulmonale Aspekte

Ein wichtiger Aspekt für einen Gesundheitssport ist ohne Zweifel die Verbesserung der Grundlagenausdauer. Als vorrangige Ziele sind hier eine Verminderung der Herzfrequenz in Ruhe und unter Belastung, eine Vergrößerung des Schlagvolumens, Erhöhung der Sauerstoffaufnahme im Blut und eine Verbesserung des Zellstoffwechsels zu nennen

Okazaki und Stricevic zitieren hierzu eine Studie des Brooklyn Centers der Long Island Universität im Jahr 1978, die darlegt, dass während des Karatetrainings ein breites Belastungsspektrum auftritt. Das Alter der 18- bis 45-jährigen Karateka spielte in dieser Studie eine untergeordnete Rolle. Jedoch zeigt sich auch bei der Ausdauerleistung eine positive Beeinflussung durch sportliche Aktivitäten, so dass eine Steigerung auch noch bis in höhere Lebensalter möglich ist.

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6. Zusammenfassung

Ich hoffe, dass ich einen kurzen Einblick in die therapeutischen und trainingswissenschaftlichen Aspekte des Karate als Gesundheitssport geben konnte. Mit Sicherheit lässt sich die anfangs gestellte Frage, ob Karate auch Gesundheitssport ist, mit einem “Ja“ beantworten. Betrachtet man die Kernziele des Gesundheitssports aus physiotherapeutischer Sicht kann das Karatetraining besonders langfristig gesundheitlichen Problemen vorbeugen und entgegenwirken. Darüber hinaus weiß ich aus eigener Erfahrung – es macht auch sehr viel Spaß.

Referenzen

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  • Myers, Thomas W., Anatomy Trains, Myofasziale Leitbahnen für Manual- und Bewegungstherapeuten, 2. Auflage, Urban & Fischer München, 2010  
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  • Okazaki, T., Stricevic, M.V., Modernes Karate, Bassermann, 2003