Das Geheimnis der Technik

Gedanken über eine Karate-Technik von unserem Trainer Toni Janke

Dieser Text ist ursprünglich in 6 Teilen in der WhatsApp-Gruppe unseres Vereins erschienen.

Einleitung

Liebe SHOSHIN-DOJO-Karateka,

von Zeit zu Zeit möchte ich hier über ein Karate-Thema schreiben, das Euch vielleicht im Training helfen könnte. Anfangen möchte ich mit einer ganz einfachen Technik – einem Mae-Geri.

Warum ein Mae-Geri? Ein „Vorwärts-Fußtritt“ ist doch eine einfache Technik: Fuß vor – Fuß zurück – Fertig! Warum sollte er einen Text wert sein?

Nun, aus meiner Sicht, steckt mehr dahinter. Es wird ein langer Text in 6 Teilen, ich werde ihn trotzdem schreiben. Egal, wie lange Ihr schon trainiert und welchen Gürtel Ihr habt, ich möchte, dass Ihr „Euren“ Mae-Geri neu entdeckt. Neu, und von einer anderen Seite.

Ich möchte, dass Ihr versteht, wie ein idealer „Vorwärts-Fußtritt“ aussehen könnte. Ich möchte, dass Ihr die Gründe versteht, warum Eure Trainer so genau auf kleinste Details achten. Danach möchte ich, dass Ihr Euren Mae-Geri selbst entdeckt, in jedem Training neu, Euer gesamtes Karate-Leben lang.

Ich weiß nicht, ob Ihr Euch schon einmal eine einfache Frage gestellt habt. Die Frage: „Welchen Sinn hat ein Vorwärts-Fußtritt?“ Dumme Frage meint Ihr? Aber könnt Ihr Sie auch beantworten? 

„Richtig“ auszusehen ist sicher nicht Sinn und Zweck einer Karate-Technik. Es ist nicht Sinn und Zweck einer Kampfkunst – wie Karate – gut oder richtig auszusehen. Sinn einer Kampfkunst ist es, durch gekonnte Selbstverteidigung einen Angriff möglichst unverletzt zu ÜBERLEBEN. Es gibt nur diesen einen Sinn, diesen einen Zweck. Ich höre schon Eure Einwände: „Es geht doch nicht bei jedem Angriff um Leben und Tod!“, wird mancher sagen und er hat Recht. Dieser Einwand ist richtig. Nur, leider bestimmen das nicht wir, sondern der Angreifer. Haben wir uns im Training auf den schlimmsten aller möglichen Fälle vorbereitet, können wir auch in weniger gefährlichen Fällen angemessen reagieren.

Wie kann uns nun ein „Vorwärts-Fußtritt“ bei unserer Selbstverteidigung helfen? Erstens soll unser Mae-Geri die möglichst starke Wirkung auf den Gegner haben, die stärkste, die uns möglich ist. Zweitens wollen wir unseren Fußtritt auch jederzeit genau kontrollieren können. Wir wollen die Wirkung genau dosieren oder auch die Technik jederzeit abbrechen können. Das benötigen wir, um in allen anderen Fällen angemessen zu reagieren. Unser Mae-Geri soll also stark sein, wenn wir einen starken Mae-Geri brauchen und er muss fein dosiert werden können, wenn wir es wollen.

Lest in einigen Tagen im nächsten Teil: Was ist eigentlich „die Wirkung“ auf einen Angreifer? Wovon hängt sie ab? …

Was ist eigentlich „die Wirkung“?

Im ersten Teil haben wir gelernt, dass es wichtig ist, mit unserem Mae-Geri eine große Wirkung zu erzielen wenn wir es müssen. Gleichzeitig wollen wir die Kontrolle behalten. Heute schauen wir, wovon diese Wirkung überhaupt abhängt.

Die Wirkung unseres Mae-Geris hängt von zwei Eigenschaften ab. Erstens, von der „Wucht“ mit der wir treffen. Zweitens,… das soll noch ein Geheimnis bleiben. Ich schreibe später darüber.

Zurück zur ersten Eigenschaft, der „Wucht“. Erster Versuch: Wir treten einfach zu und das möglichst stark. Nach einiger Zeit werden wir merken, dass wir dabei an eine Grenze kommen. Die „Wucht unseres Mae-Geri nimmt nicht mehr zu. Aus irgendeinem Grund wird unser Mae-Geri nicht wirklich „gefährlich“. Woran liegt das?

Um das zu verstehen, möchte ich mit Euch ein kleines Gedankenexperiment machen. Lasst uns eine Partie Billard spielen. Wir spielen eine Kugel mit einer anderen an. Die Reaktion der getroffenen Kugel hängt dabei ab von der Geschwindigkeit, der Richtung und von der Masse beider Kugeln.

Was bedeutet das für unseren Mae-Geri?

Unser Körper und der Körper des Gegners lassen sich vereinfacht mit diesen Kugeln vergleichen. Ist die erste Kugel schnell, zeigt die zweite Kugel eine deutliche Reaktion. Ist die erste Kugel langsam, zeigt die zweite Kugel eine kleine Reaktion. Die Geschwindigkeit der ersten Kugel steuern wir durch den Stoß mit dem Queue. Die Energie dazu kommt aus unseren Arm-Muskeln. Bei unserem Fußtritt benötigen wir für eine deutliche Reaktion des Gegners ebenfalls eine große Geschwindigkeit. Wir müssen also mit unseren Beinmuskeln unsere SCHNELLKRAFT TRAINIEREN, um mit dem Fuß möglichst schnell auf den Gegner zu treffen!

Auch die Richtung der ersten Billard-Kugel beeinflussen wir mit unserem Stoß. Die größte Reaktion sehen wir, wenn beide Kugeln frontal aufeinander prallen. Die kleinste Reaktion sehen wir, wenn die erste Kugel nur sachte an der zweiten vorbeischrammt. Da wir mit unserem Mae-Geri eine große Reaktion erzielen wollen, muss unser Fuß also in gerader Linie frontal den Angreifer treffen. Das schaffen wir mit der Technik des Knie-Anziehens. Je höher das Knie, desto höher kann der frontale Treffer sein. Ziehen wir das Knie nicht an, schrammt der Fuß nach oben am Ziel vorbei. Wie eine Billard-Kugel hat er dann keine Wirkung. Kein Knie – keine Wirkung! Wir müssen also auch üben FRONTAL zu TREFFEN!

Wir kennen jetzt schon zwei Dinge, die wichtig sind für unseren Mae-Geri: SCHNELLKRAFT und FRONTAL-TREFFEN! Wenn wir das intensiv üben, haben wir schon sehr viel „Bums“ auf unserem Mae-Geri.

Aber es geht noch besser. Dazu mehr in einigen Tagen im nächsten Teil.

Wie wird mein Mae-Geri noch stärker?

Im letzten Teil haben wir gelernt, dass wir zwei Dinge trainieren müssen: die SCHNELLKRAFT unserer Beinmuskeln und das FRONTAL-TREFFEN, indem wir unser Knie anziehen! Keine Beinmuskeln – keine Wirkung. Kein Knie – keine Wirkung. Wenn wir das richtig können, ist unser Mae-Geri schon richtig brauchbar.

Aber es geht noch mehr. Wieder zu unserem Billard-Spiel, wir mogeln etwas: Stellt Euch eine kleine, leichte Kugel vor, die auf eine größere, schwere Kugel trifft. Die Reaktion der großen Kugel ist eher klein. Jetzt stellt Euch eine große, schwere Kugel vor, die auf eine kleine, leichte trifft. Die Reaktion der leichten Kugel ist dann sehr groß. Die Reaktion hängt also auch von der Masse beider Kugeln ab. Besser gesagt, von deren Verhältnis.

Keine Angst, Ihr braucht Euer Gewicht nicht mit dem des Angreifers zu vergleichen. Es geht weniger darum, welche Masse Euer Körper hat, sondern eher darum, wieviel Ihr von dieser Masse mit welcher Geschwindigkeit bewegt.

Anders gesagt: Der Fuß mit dem Ihr tretet hat eine hohe Geschwindigkeit. Der andere Fuß steht auf dem Boden. Seine Geschwindigkeit ist Null. Was ist mit Eurem restlichen Körper? Was ist mit der Hüfte? Mit dem Oberkörper? Mit dem Kopf? Stehen sie still? Sind sie in Bewegung? Welche Geschwindigkeiten haben sie?

Bewegt sich nur der Fuß auf den Angreifer zu, entspricht das einer sehr kleinen, leichten Billard-Kugel.
Habt Ihr das Knie angezogen? Gut, dann bewegt sich auch Unter- und Oberschenkel auf das Ziel, wir haben bereits eine größere Billard-Kugel.
Schafft Ihr es, kurz vor dem Auftreffen die Hüfte vorzuschieben ohne das Standbein zu drehen? Sehr gut, nun bewegen sich auch Hüfte, Bauch und der andere Oberschenkel auf den Angreifer. Eure Kugel wird immer größer.
Was ist mit Eurem Standbein? Streckt es sich beim Mae-Geri? Das ist schlecht, Euer Körper bewegt sich dabei nach oben. Er soll sich aber nicht nach oben, sondern nach vorn auf den Angreifer bewegen. Also ist es unbedingt notwendig, im Standbein „tief“ zu bleiben. Schafft Ihr das? Prima, Eure Billard-Kugel wird riesig sein.

Was wir üben wollen, nennt sich physikalisch „Impuls“. Die Maß-Einheit ist „Kilogramm – Meter pro Sekunde“, was nichts anderes bedeutet, als dass wir möglichst viele Kilogramm unseres Körpers auf eine möglichst hohe Geschwindigkeit (Meter pro Sekunde) in Richtung des Ziels bringen müssen. Wir müssen also üben, den GESAMTEN KÖRPER EINZUSETZEN!

Getroffen? Sehr gut. Und wie geht’s jetzt weiter? Dazu mehr in einigen Tagen im nächsten Teil.

Wie geht’s jetzt weiter?

Wir haben es geschafft. Durch die SCHNELLKRAFT unserer Muskeln haben wir unseren GESAMTEN KÖRPER beschleunigt und hinter unserem Fuß FRONTAL ins Ziel gebracht. Die Wirkung auf einen Angreifer könnte beachtlich gewesen sein.

Und nun? Wir haben uns damit in eine äußerst gefährliche Lage gebracht! Wir stehen auf einem Bein, das andere Bein weit von uns gestreckt, der Oberkörper ist nach hinten gelehnt und unser Schwerpunkt befindet sich nicht unter unserem Standbein. Wir sind dabei umzufallen! Keine Frage, die Kontrolle über unseren Körper müssen wir so schnell wie möglich wiedererlangen. 

Also einfach den Fuß schnell nach unten absetzen? Das ist keine gute Idee. Diese Bewegung ist so leicht vorher zu sehen, wie die Tatsache, dass auf jeden Winter ein Frühling folgt. Wir müssen davon ausgehen, dass der Angreifer die Gelegenheit zu einem Gegenschlag nutzen wird. Wir können leider nicht sicher sein, dass die Wirkung unsers Fußtritts ausreichend war um das zu verhindern. Unser Mae-Geri könnte nicht getroffen haben – oder – in der Deckung hängen geblieben sein – oder – er war einfach zu schwach.

Wir müssen uns also zusätzliche Möglichkeiten schaffen – und – zunächst müssen wir immer noch aufhören, umzufallen! Also: Knie anziehen, Hüfte zurück, Oberkörper kerzen-gerade. Unser Standbein ist dabei immer noch „tief“ gebeugt. Auch hier können wir noch nicht bleiben, wir stehen jetzt immer noch auf einem Bein. ABER, von hier können wir uns sehr schnell in ALLE Richtungen weiterbewegen. Wenn wir das üben, ist das für den Gegner so schwer zu erraten, wie die Lottozahlen. Wir bewegen uns natürlich in die Richtung, die für die Situation vorteilhaft erscheint.

Wir merken uns also weiter: Unser Mae-Geri ist erst zu Ende, wenn beide FÜSSE AUF DEM BODEN stehen! Die gefährliche Situation ist erst zu Ende, wenn wir wieder WEIT WEG vom Angreifer sind! Übt den Abschluss der Technik genauso, wie den Stoß selbst. Es geht um Eure Sicherheit!

In einigen Tagen im nächsten Teil: Was ist denn nun „das Geheimnis“? Die zweite Eigenschaft der „Wirkung“…

Jetzt endlich – „Das Geheimnis“

Im zweiten Teil dieses Textes haben wir gelernt, dass die Wirkung unseres Mae-Geris von zwei Eigenschaften abhängt. Die erste Eigenschaft ist die „Wucht“ mit der wir treffen. Die zweite Eigenschaft ist der ZIELPUNKT, an dem wir den Angreifer treffen. Das scheint auf den ersten Blick gar kein Geheimnis zu sein. Es ist völlig klar, dass es bei einem Angreifer Stellen gibt, die empfindlich sind und Stellen, die weniger empfindlich sind. Es gibt Stellen, dort könnten wir ihn leicht verletzen und es gibt Stellen, dort werden wir ihn kaum verletzen. Die richtige Stelle ergibt sich aus der Situation. Wenn wir einen Mae-Geri treten, sollten wir ihn auf wenige Zentimeter genau setzen können.

Was müssen wir also tun? Wir müssen mit dem Partner unseres Vertrauens üben ZU TREFFEN! Gleichzeitig müssen wir mit unserem Partner üben, GETROFFEN ZU WERDEN! Wir müssen mit dem Partner vorsichtig anfangen und uns dann in der Wirkung weiter steigern. Ohne blauen Fleck hin und wieder wird das nicht funktionieren, ohne gelegentlichen Schmerz auch nicht. Keine Angst im Training! Euer Mae-Geri ist meist schwächer, als Ihr glaubt und unser Körper steckt meist mehr weg, als Ihr für möglich haltet. Nebenbei üben wir dann auch, starke Blocktechniken und schnelle Ausweichbewegungen auszuführen.

Auch das muss geübt werden. Das geht nur mit einem Partner. Um zu üben, mit starken Fußtritten einen Gegner punktgenau zu treffen, müssen wir GENAU DAS im Training üben – wir müssen einen Trainingspartner mit starken Fußtritten PUNKTGENAU TREFFEN. Leider haben viele Karateka damit ein Problem. Dieses Problem ist psychischer Natur. Es ist einerseits die Angst einem Trainingspartner durch einen Treffer wehzutun und andererseits die Angst, selbst schmerzhaft getroffen zu werden. Statt ihren Mae-Geri zu einer starken Waffe zu entwickeln, treten viele Karateka mit Absicht sehr schwach oder in die falsche Richtung. Ich habe Karateka kennengelernt, die haben zehn Jahre lang trainiert, einen Gegner NICHT zu treffen! Zehn Jahre Training, für einen nutzlosen Fußtritt. Denn wenn wir über viele Jahre im Training mehrere Tausend Fußtritte pro Jahr ohne Wirkung auf den Trainingspartner trainiert haben, werden wir, wenn es darauf ankommt, in einer ungewohnten Situation – unter Angst – keinen wirksamen Mae-Geri treten können. Wenn Ihr Teil 1 dieses Textes gelesen habt merkt Ihr: Dann wäre unsere Kampfkunst sinnlos, dann hätten wir jahrelang umsonst trainiert.

Wir müssen uns beiden Ängsten stellen. Der Angst jemandem wehzutun und der Angst, selbst getroffen zu werden. Überwindet Ihr diese Ängste nicht, wird es keinen Unterschied geben zwischen Eurem Karate, Kunstturnen und Ballett. Überwindet Ihr diese Ängste, habt Ihr mit Eurem Fußtritt eine mächtige Waffe zur Selbstverteidigung.

Das ist das Geheimnis des Mae-Geri.

In einigen Tagen im letzten Teil: Nachbetrachtung…

Nachbetrachtung

Das waren jetzt sehr viele Gedanken zu einem einfachen „Vorwärts-Fußtritt“. Wie im ersten Teil erwähnt: Egal, wie lange Ihr schon trainiert und welchen Gürtel Ihr habt, ich möchte, dass Ihr „Euren“ Mae-Geri in jedem Training neu entdeckt. Neu und von einer anderen Seite.

Ich möchte, dass Ihr entdeckt, wie Euer Mae-Geri eine GRÖSSTMÖGLICHE WIRKUNG auf den Angreifer haben kann. Gleichzeitig möchte ich, dass Ihr entdeckt, wie Ihr Euren Fußtritt jederzeit genau KONTROLLIEREN könnt, um für jede Situation „den richtigen“ Mae-Geri treten zu können.
Ich möchte, dass Ihr entdeckt, wie Ihr Eure Beinmuskeln auf SCHNELLKRAFT trainieren könnt, wie Ihr mit Hilfe Eures Knies FRONTAL auf das ZIEL TREFFEN könnt und wie Ihr dabei Euren GESAMTEN KÖRPER EINSETZT!

Nachdem Ihr getroffen habt (oder auch nicht), möchte ich, dass Ihr entdeckt, wie Ihr Eure ungünstige Position so schnell wie möglich verlasst und zwar so, dass Ihr Euch in ALLE RICHTUNGEN weiterbewegen könnt.

Ich möchte, dass Ihr Euch Euren Ängsten und Hemmungen stellt. Dass Ihr übt, Euren Trainingspartner WIRKLICH TREFFEN zu wollen und dass Ihr auch übt, selbst GETROFFEN ZU WERDEN.

Und wenn Ihr all das gemeistert habt, dann wird EUER „Vorwärts-Fußtritt“ tatsächlich so einfach sein, wie er auf den ersten Blick scheint. Fuß vor – Fuß zurück –  Fertig!