Karate - Nur Kampfkunst oder auch Gesundheitssport?

Thomas GeeseDarlegung therapeutischer Aspekte und trainingswissenschaftlicher Grundlagen im Karate-Sport von Thomas Geese

Autor: Thomas Geese, Jahrgang 1989, praktiziert als Sportphysiotherapeut in Roggendorf bei Gadebusch. Seit seinem sechsten Lebensjahr trainiert er Karate und ist Träger des 2. Dan. Neben seinem Beruf ist Thomas Geese langjähriger ehrenamtlicher Trainer in unserem SHOSHIN-DOJO in Lützow.

2. Dehnung und Kräftigung – Übung gegen muskuläre Dysbalance

Brustmuskulatur
Abbildung 2: Brustmuskulatur

In der heutigen Zeit kennen viele den typischen Spannungsschmerz im Schulter-Nacken-Bereich, ein Gefühl des Durchbrechens im Bereich der Brust- und/oder Lendenwirbelsäule. Auch Kopfschmerzen und Gelenkbeschwerden nehmen zu. Ursache dafür kann eine muskuläre Dysbalance sein. Diese wird hervorgerufen durch eine unzureichende Verlängerungsfähigkeit/Dehnung einiger Muskeln einerseits und eine unzureichende Kräftigung der muskulären Gegenspieler (Antagonisten) andererseits.

Zunächst sind hier die Muskeln zu nennen, die von sich aus zu einer erhöhten Grundspannung (Grundtonus) und damit zu einer unzureichenden Dehnung neigen. Insbesondere gilt dies für die Wadenmuskulatur (M. Triceps surae), einige Muskeln des Oberschenkels (M. Rectus femoris, Mm. Ischiocrurales), der Hüftbeuger (M. Iliopsoas), den großen und kleinen Brustmuskel (M. Pectorales maj. et min.), sowie den oberen Anteil der Schulter-Nacken-Muskulatur (M. Trapezius pars descendens) (Abbildung 2). Verstärkt wird dieser Effekt häufig durch monotone Tätigkeiten, unzureichende Bewegung oder auch eine falsche Körperhaltung, z.B. am Arbeitsplatz.

Rückenmuskulatur
Abbildung 3: Rückenmuskulatur

Im Gegensatz dazu gibt es Muskeln die auf Grund ihrer physiologischen Gegebenheiten eher zur Abschwächung neigen. Sie werden auch als phasische Muskeln bezeichnet. Hierbei sind vorrangig die Rautenmuskeln (Mm. Rhomboidei), der Trapezmuskel (M. Trapezius pars ascendens), der vordere Sägemuskel (M. Serratus anterior), die Bauchmuskulatur (M. Rectus abdominis und Mm. Obliquus interni et externi), die Gesäßmuskulatur (M. Gluteus medius et minimus) zu nennen (Abbildung 3).

Haltungsschaden
Abbildung 1: Haltungsschaden infolge muskulärer Dysbalance (links), normale Körperhaltung (rechts)

In dem in Abbildung 1 gezeigten Beispiel lässt eine mangelhaft dehnfähige Brustmuskulatur die Schultern nach vorne ziehen. Die hintere untere Schulterblattmuskulatur – sie ist der Gegenspieler der Brustmuskulatur – kann im Normalfall diese Fehlhaltung ausgleichen und den Oberkörper wieder in die Aufrichtung führen. Sind diese Muskeln jedoch zu schwach, führt dies zu der oben gezeigten Fehlstellung.

Jedes Karatetraining beginnt mit einer kurzen Erwärmung unter kardiopulmonalen Aspekten, aber dazu später mehr. Im Anschluss daran versuchen wir mit gezielten Übungen den muskulären Defiziten, sowohl der tonischen als auch der phasischen Muskeln entgegen zu wirken. Dazu gehen wir zunächst zu Dehnungsübungen über, was einer erhöhten Grundspannung der tonischen Muskeln entgegenwirkt. Neben der Dehnung sieht der Trainingsbeginn auch gezielte Kräftigungsübungen vor allem für die phasischen Muskeln vor, die auf Grund ihrer geringen Spannung zur Abschwächung neigen.

Wie sieht es im Anschluss nun mit den eigentlichen Karatetechniken aus?

Schauen wir uns stellvertretend einen einfachen, frontal zum Gegner gerichteten Fußtritt (Mae-Geri) an. Zu Beginn finden sich hier wieder die oben genannten Aspekte der Dehnungs- und Kräftigungsübungen. Egal ob wir diese Technik zum Kopf (Jodan), zum Körper (Chudan) oder zu den Beinen (Gedan) ausführen, Muskeln müssen sich zusammenziehen (kontrahieren), andere Muskeln müssen diese Bewegung kontrolliert zulassen, sprich nachgeben.

Im Handbuch für Bewegungstherapeuten (Myers, 2010) wird für die genannte Technik eine starke Kontraktion der vorderen Körper- und Beinmuskeln (Frontallinien) beschrieben, während die hintere Körper- und Beinmuskulatur (Oberflächliche Rückenlinie) diese Bewegung durch eine ausreichende Dehnung zunächst zulassen, bei Bedarf aber auch stoppen muss. Ein kontinuierliches Training der Techniken ist daher auch immer ein kontinuierliches Training der Kräftigung und Dehnung von Muskeln im oben genannten Sinne.

Durch regelmäßige Trainingseinheiten (2-3 Mal pro Woche) bringen diese Übungen eine immense Verbesserung der Haltung und der Beweglichkeit.